Wildbienen-Anatomie

Wildbienen sind Insekten, also 'Kerbtiere', deren drei Hauptabschnitte deutlich durch "Einkerbungen" voneinander getrennt sind: Kopf, Bruststück (Thorax) und Hinterleib (Abdomen). Hinzu kommen die Flügel und Beine zur Fortbewegung.

Kopf – Caput
Der Kopf läßt sich untergliedern in den Scheitel (Vertex, Oberkopf zwischen und hinter den Augen), die Stirn (Frons), das Stirnschildchen (darunter, zwischen den Antennen) und schließlich dort, wo man bei einm Säugetier die Nase annehmen würde, den breiten Kopfschild (Clypeus). Außen hinter den Facettenaugen befinden sich die schmalen Wangenstreifen (Genae), innen neben den Facettenaugen haben die Weibliche vieler Arten je eine behaarte flache Grube, die sogenannte Fovea facialis. Seitlich, oben, vorn und unten besitzt der Kopf drei wichtige Organe:

Bruststück – Thorax oder Mesosoma ?
Der mittlere, fast kugelförmige Teil des Bienenkörpers, der "Brustkorb", besteht aus drei Segmenten – a) Prothorax bzw. Pronotum, b) Mesothorax bzw. Mesonotum, c) Metathorax bzw. Metanotum – bzw. drei sichtbaren Rückenschildern, nämlich dem a) Scutum ('Schild') bzw. Mesonotum, b) Scutellum ('Schildchen') und c) Postscutellum ('Hinterschildchen') bzw. Metanotum; hinzu kommt noch das Propodeum, auch Epinotum genannt: ein Segment des Abdomens (Hinterleibs), das fest mit dem Metanotum verwachsen ist und daher zum Brustkorb zu gehören scheint. Die gängige wissenschaftliche Bezeichnung des Bruststücks einer Biene ist also nur ohne das Propodeum der Thorax; einschließlich des Propodeums ist es der Mesosoma (von altgriechisch meso = 'mittlere(r)' & soma = 'Körper, Leib';).
    Getragen wird der Thorax (bzw. das Mesosoma) vorn, in der Mitte und hinten von drei Beinpaaren. In der "Schultergegend" setzen vier Flügel an, die von der mächtigen Brustmuskulatur angetrieben werden. Die Teile im einzelnen:
Hinterleib – Abdomen oder Metasoma ?
Genaugenommen ist der Hinterleib einer Biene nicht nur das, was man zu sehen glaubt: Da das erste Segment des Hinterleibs bzw. Abdomens in der Evolution mit dem letzten Brustsegment verwuchs (siehe oben), befindet sich die "Wespentaille" der Bienen nicht zwischen Thorax und Abdomen, sondern ist eine Einschnürung des Hinterleibs selbst, nämlich zwischen Propodeum und dem langen Körperende, dem Metasoma (von altgriechisch meta = 'nach, hinter' etc. & soma = 'Körper, Leib'). Korrekt muß man also bei der Beschreibung einer Biene den Hinterleib korrekt "Metasoma" nennen, dennoch spricht man meist (und fälschlich) vom "Abdomen". Die Existenz der "Wespentaille" unterscheidet übrigens die Bienen und andere Insekten – etwa Schlupfwespen, Gallwespen, Goldwespen, Ameisen etc. – von den Pflanzenwespen (Symphyta).
    Das Abdomen bzw. korrekt Metasoma besteht aus Segmenten bzw. halben Ringen: Die oberen (= dorsalen) Segmente sind die Terga (Einzahl: Tergum), die unteren (= ventralen) sind die Sterna (von Sternum). Verbunden werden beide Segmente jeweils von häutigen Gelenken, den Pleuren. Die harten (sklerotisierten) Teile der Terga und Sterna bezeichnet man als Tergite und Sternite, sie sind die eigentlichen Panzerringe. Die Sternite vieler Arten tragen Sammelhaare, die eine ′Bauchbürste′ bilden, die Ventralscopa.
 
Flügel – Alae
Auch wenn man an ruhenden Bienen auf den ersten Blick nur zwei Flügel wahrnimmt: Wildbienen besitzen zwei meist durchsichtige oder durchscheinende Flügelpaare, die deutlich sichtbar von Adern durchzogen sind, die die Flügelhaut in Zellen teilen und stabilisieren. Am äußeren Flügelrand ist eine kleine schmale dunkle Zelle zu sehen, ein Stigma (′Mal, Fleck′) bzw. Pterostigma. Die Äderung und Form und Größe der Zellen helfen, die Wildbienengattungen zu unterscheiden. Die Vorder- und Hinterflügel werden an ihren Rändern durch Häkchen (Hamuli) verbunden, wodurch größere Tragflächen entstehen.
 
Beine
Drei Beinpaare weisen die Bienen als Insekten aus. Ein Bein besteht aus fünf Teilen: Hüfte (Coxa), Schenkelring (Trochanter), Schenkel (Femur), Schiene (Tibia) und Fuß (Tarsus), der wiederum in fünf Glieder (Tarsomeren) unterteilt ist. Das erste Fußglied, das sogenannte Fersenglied (Metatarsus bzw. Basitarsus), ist breiter und flach und vor allem sehr viel länger als die anderen vier; das letzte Fußglied, das Krallenglied (Prätarsus), trägt ein Paar Klauen und zwischen beiden oft einen Haftlappen (Pulvillus). Die deutschen Begriffe sind teilweise der menschlichen bzw. Säugetieranatomie entlehnt.
    Die Hinterschienen (die Tibiae des 3. Beinpaars) sind oft deutlich verbreitert und weisen bei Weibchen oft eine Schienenbürste (Körbchenhaare bzw. Scopa) auf, die dem Transport des Pollens dient; auch die Fersenglieder der Hinterbeine tragen bei einigen Gattungen eine Haarbürste für den Pollentransport. Wenn beide, also Tibia und Basitarsus, Transporthaare besitzen, weisen die Pollenpakete an der Grenze zwischen beiden Bürsten einen Bruch bzw. Spalt auf.
 
Pelz, Behaarung
Viele Wildbienen weisen eine nur spärliche oder kurzflorige, jedenfalls wenig auffällige Behaarung auf, die sich vor allem am seitlichen und hinteren Thorax, zwischen den Tergiten und auf den Beinen konzentriert, andere (Maskenbienen: Hylaeus spec.) sind unbehaart; geprägt wird ihr Erscheinungsbild überwiegend oder ausschließlich durch die Größe, Form und Farben ihres Körpers. Etliche Arten aber tragen einen dichten und hohen Pelz, der oft durch eine leuchtend bräunliche oder gelbliche Färbung auffällt und besonders den Thorax viel dicker erscheinen läßt, als er in Wirklichkeit ist. Solche Bienenarten lassen sich auf den ersten Blick von der Honigbiene unterscheiden, auch wenn sie ansonsten gleichgroß sind.
    Besonders auffällig ist dies bei den Hummeln, die durch ihren Pelz kompakter ("pummeliger") erscheinen, als sie es unbepelzt wären. Der Pelz trägt nicht nur die auffälligen Farbstreifenmuster, die uns Menschen die Artbestimmung erleichtern, sondern hält diese an sich wechselwarmen Tiere bei niedrigen Außentemperaturen auch warm.
 
Geschlechter
Die beiden Geschlechter einer Bienenart können auf den ersten Blick deutliche morphologische Unterschiede in Gesamtgröße und Form und Färbung einzelner Körperteile aufweisen, sie können sich aber auch zum Verwechseln ähneln. Die grundsätzlichen Unterscheidungsmerkmale sind: Beim Zählen der Tergite (also der oberen Halbsegmente) ist zu berücksichtigen, daß von oben meist nur 5 davon sichtbar sind, der sechste und kleinste Tergit ist dann verdeckt und erst von hinten und von der Seite zu erkennen. Bei einer Drohne kommt hier noch ein weiterer Tergit hinzu. Ähnliches gilt für die Fühlerglieder: Hier sind sowohl der Schaft (Scapus) als auch das darin verankerte extrem kurze erste Geißelglied (Pedicellus) mitzuzählen.
 
Bombus lucorum, W N
Die Helle Erdhummel, Bombus lucorum, W N an Salix nigricans; Salzburg, Zell/Wallersee;
ein gelungenes Portrait, fotografiert vom Hummelexperten Johann Neumayer


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