Wildbienen: Bienensterben
- Es sterben doch jetzt so viele Bienen, hört man. Woran liegt das? (Frage einer Besucherin an einer Wildbienenwand)
- Für einen Dokumentarfilm über das Bienensterben bin ich auf der Suche nach einem Wildbienen-Experten für ein Interview. Mich interessiert, wie stark die 1977 eingeschleppte Varroa-Milbe die Wildbienenbestände reduziert hat.
- Wie schätzden Sie die Tatsache ein, daß die Berufsimker immer älter und damit auch weniger werden. Und was würde ein Aussterben der Honigbiene für uns bedeuten?
- Ich habe auf meinem Balkon ein Wildbienenhotel (gelöcherter Holzklotz). Dort herrschte dieses Frühjahr reger Betrieb, seit mehreren Wochen aber ist es still, ich bemerke nur, daß, seit die Honigbienen verschwunden sind, auch keine Wildbienen mehr fliegen.
Wenn von "Bienensterben" die Rede ist, sind verschiedene Phänomene gemeint, und meist werden sogar Honigbienen und Wildbienen verwechselt. Die Medien berichten überwiegend über die Verluste unter den Honigbienenvölkern der Imker, erzeugen aber durch Begriffe wie "Bienenseuche", "Bienensterben", "Bienenvölker" etc. den Eindruck, vom Bienensterben seien alle Bienenarten betroffen oder es gebe überhaupt nur Honigbienen. Von der prekären Situation der Wildbienen ist in den seltensten Fällen explizit die Rede. Eine Lokalzeitung (Solinger Tageblatt) z. B. schrieb am 19.05.2008 über ein Imkerfest: "So erfuhren Interessenten, dass alle Bienenarten außer den Wildbienen Honig produzieren [...]." In Europa gibt es allerdings nur eine Honigbienenart, in Deutschland allein aber ca. 555 Wildbienenarten ...
1. Honigbienensterben
Daß Honigbienenvölker sterben, ist nicht neu, und seit Menschen imkern, gehören auch sie zu den Verursachern dieses Sterbens. Lange Zeit allerdings war die Imkerei naturverträglich und schadete der heimischen Honigbiene nicht, durch Menschen, Bären, Parasiten und ungünstige Witterung verursachte Verluste unter Honigbienenvölkern konnte die Natur schnell ausgleichen. Mittlerweile hat sich das dramatisch geändert:
- Aus dem Mittelalter ist bekannt, daß die Wikinger während einer Wärmeperiode bis zum Ende des 12. Jahrhunderts Honigbienen hielten. Diese verschwanden in den folgenden, kälteren Jahrhunderten und wurden erst um 1750 in Norwegen wiedereingeführt. Der Verursacher des Bienensterbens war also damals das Klima. Die folgenden Massensterben aber waren bzw. sind menschengemacht:
- Ein bis heute spürbares Honigbienensterben wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts von den Imkern betrieben: Zunächst wurde 1843 die Italienische Honigbiene, Apis mellifera ligustica, in die Schweiz eingeführt und zehn Jahre später nach Oberschlesien, 1859 dann nach Frankreich und England; die Gründe waren die hübsche Färbung und vermeintliche größere Friedfertigkeit, die Folge war die Hybridisierung der einheimischen Dunklen Honigbiene, Apis mellifera mellifera. Der Import der Italienischen Honigbiene zu Lasten der einheimischen ging zwar zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurück, nach dem 2. Weltkrieg aber führten Imker in immer größerem Umfang aus Österreich und Slowenien die Krainer Biene ein, Apis mellifera carnica. Um diese nicht mit den überwiegend schon hybridisierten Dunklen Honigbienen bastardisieren zu lassen, wurden deren Restpopulationen durch Reinzucht der carnica-Rasse und Verfolgung wildlebender Völker verdrängt und schließlich in Deutschland völlig vernichtet. Diese Ausrottung der heimischen Honigbiene ist der eigentliche Skandal. Die seit dem Ende des 20. Jahrhunderts von einigen alternativen Imkern eingeführten und gehaltenen Dunklen Honigbienen stammen leider aus verschiedenen Regionen Europas, also aus verschiedenen Unterrassen; notwendig wäre eine staatlich koordinierte und auch gegen Widerstände durchgesetzte Wiedereinbürgerung der aus Deutschland verdrängten ursprünglichen Unterart bzw. Nominatform.
- Auch die von den Imkern und den Medien immer wieder genannte Varroamilbe (Varroa destructor) ist kein böser Streich der Natur, sondern des Menschen: Die ca. 1,6 Millimeter große Milbe entwickelt sich in den verdeckelten Zellen nur der Honigbiene und beißt sich im Winterhalbjahr, wenn die Bienenbrut fehlt, an erwachsenen Honigbienen fest. Diesem Milbenbefall sind europäische Bienenrassen schutzlos ausgeliefert, da sie in wenigen Jahren gegen die "Varroose" keine Schutzmechanismen entwickeln konnten: 1977 holten Wissenschaftler des Bieneninstitutes Oberursel zu Forschungszwecken asiatische Honigbienen (Apis cerana) nach Deutschland – und mit ihnen im Gepäck kam die Varroamilbe. Ohne die Gier der Imkerei nach immer neuen Rassen und Züchtungen gäbe es dieses Problem nicht ...
- Ein weiterer vom Menschen eingeschleppter (und gelegentlich in der Presse erwähnter) Honigbienenparasit ist der aus dem südlichen Afrika stammende Kleine Beutenkäfer (Aethina tumida) aus der Familie der Glanzkäfer (Nitidulidae). Der Käfer legt seine Eier vorzugsweise in Bienenvölkern ab, wo seine Larven Honig, Pollen und Bienenbrut fressen und die Waben zerstören. Während sich afrikanische Honigbienenrassen gegen den Parasiten erfolgreich zur Wehr setzen, sind die nordamerikanischen Rassen der Westlichen Honigbiene dazu nicht fähig. Der Beutenkäfer tauchte 1996 im südöstlichen Nordamerika auf und hat sich seither über die ganze USA verbreitet. Seit 2002 ist er in Kanada, seit dem Jahr 2000 in Ägypten gemeldet, seit 2002 in Australien und seit 2004 in Portugal. Und in Deutschland?
- Eine andere, ansteckende Krankheit der Honigbiene ist die Nosemose. Als einzellige Erreger war zunächst nur Nosema apis bekannt, der im Ruhestadium als langlebige Spore relativ unempfindlich gegen Temperatur und Austrocknung ist. 1996 wurde in Asien ein ähnliches Mikrosporidium als Parasit der Östlichen Honigbiene (Apis cerana) entdeckt: Nosema ceranae. 2005 wurde diese aggressivere Nosema-Variante in Spanien nachgewiesen. Da die Verluste unter Honigbienenvölkern seither deutlich häufiger und größer sind, wird eine Übertragung von Nosema ceranae durch die weingeschleppte Varroamilbe diskutiert.
Weitere bekannte Erkrankungen wie Faulbrut, Kalkbrut oder Sackbrut sind schon länger bekannt und haben nicht die Ausmaße der vorgenannten Massensterben und auch nicht dasselbe Presseecho erreicht.
- Seit dem Winter 2006/2007 macht in den USA die Colony Collapse Disorder (CCD) Schlagzeilen. Typisch für dieses dramatische Massensterben ist das Leerfliegen der Völker: Die Sammelbienen kehren nicht in den Stock zurück, folglich sterben die unversorgten Jungbienen mit der Königin und der Brut. Die Ursachen sind noch nicht völlig aufgeklärt, die im Darm der Honigbienen gefundenen Krankheitserregern lassen aber ein Komplexphänomen vermuten: Mehr noch als in Europa sind Honigbienen in den USA erheblichem Streß ausgesetzt: künstliche Haltungsbedingungen (wirtschaftlich optimierte Innenarchitektur der Styroporbeuten, einseitige Fütterung), ständige Standortwechsel, wenn die Völker zu den Plantagen gefahren werden, Monokulturen (also einseitige Ernährung), Pestizidbelastung der Nutzpflanzen, Fehlen unbelasteter Wildflora etc.
- Die jüngsten Massenverluste wurden durch hochgiftige Pestizide verursacht: Anfang des 21. Jahrhunderts gingen in Frankreich hunderttausende Bienenvölker ein. Ein staatlicher Untersuchungsbericht, durchgeführt von den Universitäten Caen und Metz sowie dem Institut Pasteur, bewies einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Bayer-Pestizid Gaucho (Wirkstoff Imidacloprid) und dem Bienensterben, und die französische Zulassungsbehörde AFSSA verweigerte die Zulassung. In Deutschland aber wurde sie erteilt.
2008 wurde das Nervengift Clothianidin der Bayer CropScience eingesetzt, um die Mais-Saat gegen den Mais-Wurzelbohrer zu schützen – ein Ziel, das man auch giftfrei durch Feldfruchtwechsel, also durch abwechselnden Anbau von Mais und einer anderen Feldfrucht hätte erreichen können. Beim Ausbringen des mit diesem Pestizid behandelten Saatgutes im Frühjahr genügten einige Windböen, um ein wenig Abrieb auf die Blüten und Blätter der Umgebung zu wehen und alle Insekten dort zu vernichten: neben Honigbienen auch alle lokal vorkommenden Wildbienen und die anderen Hautflügler, Fliegen, Schmetterlingen und andere, die für ihre Eigenversorgung auf Nektar angewiesen sind. Bekannt wurde das Massensterben aber nur, weil Imker es an ihren Haustieren, den Honigbienen, registrierten.
- Die möglichen oder wahrscheinlichen Konsequenzen des Honigbienensterbens werden üblicherweise falsch dargestellt:
- Die Natur leidet nicht unter dem Sterben fremdländischer Honigbienenvölker: Sie ist durch die Ausrottung der wilden Honigbiene bereits geschädigt, und deren Bestäubungsleistung an Wildpflanzen kann nicht nur durch Honigbienen-Zuchtrassen ersetzt werden, sondern ebenso durch die vielen Wildbienenarten, von denen es allein in Deutschland an die 555 gibt. Wenig bekannt ist die Tatsache, daß es in Amerika vor der europäischen Kolonisierung überhaupt keine Honigbienen gab, Wildpflanzen also zuvor nur von Hummeln und Solitärbienen bestäubt wurden, die diese Aufgabe offenbar ganz gut erledigen.
Außerdem: Selbst wenn eine gefährdete Wildpflanzenpopulation in einem Jahr ausnahmsweise überhaupt nicht bestäubt würde, könnte sie durch ihren Samen im Boden überleben und in einem der nächsten Jahre erneut auftauchen und blühen. Schaden entsteht der Natur (Pflanzen und Insekten) allerdings durch die Gifte, die auch die Honigbienen töten.
- Wildbienen können nur ausnahmsweise eine Fortpflanzungssaison überspringen, sie sterben in der Regel sogleich lokal aus, wenn ihre Trachtpflanzen zu früh gemäht oder vergiftet oder von zu vielen Honigbienen besammelt werden. Vor allem oligolektische Solitärbienen werden daher in einigen (!) Gebieten sogar entlastet, wenn die Honigbiene dort zuvor in großer Volksdichte gehalten wurde und diese Massenhaltung plötzlich aufhört: Der Pollen einer Blüte kann eben nur einmal gesammelt werden: von Honigbienen oder konkurrenzfrei von Wildbienen.
- Der Anteil der heimischen Imkerei an der Honigproduktion nimmt ab zugunsten weiterer Billigimporte aus dem Ausland. Das ist durchaus bedauerlich (auch aus gesundheitlichen, allergologischen Gründen), aber keine Katastrophe: Wir könnten zur Not auch ohne Honig überleben ...
- Teile der Landwirtschaft allerdings werden bzw. würden Probleme bekommen: Die Pflanzen riesiger in Monokultur bewirtschafteter Felder in ausgeräumten Landschaften lassen sich nur durch eine Vielzahl von Honigbienenvölkern bestäuben, die zum richtigen Zeitpunkt dort so aufgestellt werden, daß die Honigbienen alle Flächen erreichen können. (Wollte man denselben Effekt durch Wildbienen – also Solitärbienen und Hummeln – erzielen, müßte man einen beträchtlichen Teil der landwirtschaftlichen Fläche in ungenutzte Nisthabitate mit entspr. natürlichen Niststrukturen umwandeln, also sonnige vegetationsarme Böschungen, Totholz etc.)
Wirklich wichtig, ja teilweise sogar unverzichtbar ist die Massenhaltung der Honigbiene also allein in der industriell betriebenen Landwirtschaft – die USA sind das beste Beispiel dafür. Schon die Bio-Landwirtschaft profitiert von der traditionellen artgerechteren Honigbienenhaltung wie auch den Wildbienen-Populationen, die in jeder reich strukturierten Landschaft zu finden sind.
2. Wildbienensterben
Es ist typisch für unsere Zeit, daß ein anderes Bienensterben kaum Erwähnung findet: das der Wildbienen. Schaut man sich die umfangreichen Artenlisten an, die schon die Taxonomen des 18. und 19. Jahrhunderts zusammengetragen haben, so findet man viele der damals gesammelten und beschriebenen Arten in heutigen Kartierungsberichten nicht mehr wieder, andere füllen die Roten Listen der bedrohten Tierarten. Der wilden Honigbiene, die vorsätzlich ausgerottet wurde, folgten schnell viele andere Wildbienen, die meisten von ihnen Solitärbienen, deren Weibchen jede für sich, also ohne Arbeiterinnen, für Nachwuchs sorgen. Noch auffälliger als bei der Artenzahl, die der Laie kaum beurteilen kann, ist der Schwund bei der Anzahl der Individuen: Wildbienen kamen in früheren Zeiten zu Abertausenden auf dem Land und in den Dörfern vor, sie gehörten einfach dazu; heutzutage geraten Zivilisationsmenschen schon in Panik, wenn ein paar Bienen im Rasen, im Sandkasten oder im Ikearegal nisten (siehe oben). Die Gründe für das Massensterben bzw. die Ausrottung der Wildbienen sind neben wirtschaftlichem Egoismus Dummheit, unreflektierte Angst und pervertierte "Ordnungsliebe".
Von den Krankheiten der gezüchteten Honigbienen (Varroamilbe etc.) sind Wildbienen (Solitärbienen, Hummeln) zum Glück nicht betroffen; die urspüngliche Wildform der Honigbiene würde, wenn man sie wieder im deutschsprachigen Raum verbreitete, auch von Parasiten befallen werden, aber vermutlich besser mit diesen klarkommen, da sie robuster ist als die Zuchtform.
- Der erste Ausrottungssfeldzug betraf nur die Honigbiene und fing harmlos an: Die Zeidlerei des Mittelalters nahm den in hohlen Bäumen nistenden wilden Honigbienen nur ihre Waben, um Wachs und Honig zu erbeuten. Das Volk wurde zwar als Einheit zerstört, die Bienen konnten sich aber bei anderen Völkern "einbetteln", ihre Populationen drohten also nicht auszusterben. Auch die Haltung der Honigbiene in Bienenkörben und -stöcken gefährdete die Art bzw. regionale Unterart nicht, da sich die gehaltenen von den wilden Honigbienen nicht unterschieden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts jedoch führte man fremdländische Honigbienen ein, begann mit der Leistungszucht und rottete um die Mitte des 20. Jahrhunderts die einheimische Wildform in Deutschland völlig aus. Die Gründe waren und sind vor allem wirtschaftliche: Man strebte Hochleistungszuchtrassen an, die heute als Standard etwa das Fünffache der früheren Honigmenge "liefern".
- Klimaschwankungen bzw. Wetterextreme haben immer schon zum lokalen Aussterben von Wildbienen geführt: Während der Flugzeit einer bodennistenden Bienenart im Frühjahr und Frühsommer führen längere naßkalte Wetterperioden zum Verhungern der Weibchen und Verpilzung der Brut. Auch extrem trockene Sommer können Verluste hervorrufen. Ohne Beeinträchtigung durch die Menschen, wenn also die nötigen Niststätten und Trachtpflanzen vorhanden sind, können Wildbienen aber solche Verluste in wenigen Jahren ausgleichen. Noch nicht klar absehbar sind die Folgen der Klimaerwärmung: Einerseits breiten sich wärmeliebende Arten wie die Holzbiene (Xylocopa violacea) immer weiter nach Norden aus, andererseits werden sowohl Perioden mit gehäuften, auch unwetterartigen Niederschlägen als auch längere Trockenperioden unserer Wildbienenpopulation schädigen.
- Der Hauptgrund für das Aussterben der Wildbienen ist die Vernichtung ihrer Lebensräume, und damit sind vor allem ihre Niststätten gemeint: Viele (und meist seltene) Arten sind angewiesen auf ausgedehnte Flugsandfelder und Binnendünen, Salzlacken, offene Lehm-, Sand- und Kiesgruben, Ruderalflächen, Böschungen, ungestörte Wald- und Feldränder, ungeschotterte Wege, mürbes und morsches Totholz, hohle und markhaltige Stengel etc. Alle diese Nistmöglichkeiten waren in früheren Zeiten in großer Ausdehnung und Zahl vorhanden, werden aber seit dem 18. Jahrhundert als unprofitabel oder schlicht "unschön" angesehen und folglich "begrünt", zugeschüttet, befestigt und asphaltiert, verbrannt, kompostiert. Das Werk der Ausrottung wird im großen wie im kleinen Maßstab betrieben:
- Landwirtschaft: Das in Kinderbilderbüchern vermittelte romantische Bild der Landwirtschaft ist längst Geschichte, wer heute noch schmale Feldwege durch kleine Felder mit bunter Ackerbegleitflora erleben will, muß weit reisen. Riesige baum- und strauchlose Agrarflächen und gigantische Erntemaschinen prägen das Bild, Mineraldünger und Gülle steigern die Erträge, Wildbienen finden hier weder Nistplätze noch Nahrung. Einen nicht mehr zu reparierenden Schaden hat die Flurbereinigung angerichtet: Das Hauptziel war und ist die Neuordnung des ländlichen Grundbesitzes zwecks Steigerung der Produktivität, also die Zusammenführung kleinerer Produktionsflächen zu größeren, die sich besser bewirtschaften lassen. Die zu erwartende Folge war die Zerstörung unzähliger kleiner und unproduktiver Feldgehölze und Hecken, Brachen und offener Bodenstellen, Hohlwege und Wegränder, Böschungen und Erdabbrüche, Gräben und Tümpel; alle diese Landschaftselemente sind bzw. waren wertvolle Niststätten. Das angebliche Nebenziel, die landschaftliche Eigenart und biologische Vielfalt zu erhalten, wurde in den seltensten Fällen erreicht.
- Forstwirtschaft: Wald ist bekanntlich nicht gleich Wald, die an den Wald gebundenen Bienenarten benötigen naturnahe Wälder mit Saumbiotopen (sonnigen Lichtungen und Außenrändern) und Altholz, nur dort finden sie ihre Niststrukturen. Schädlich für Bienen und andere Lebewesen sind deshalb vor allem artenarme Wirtschaftforste, Aufforstungen selbst kleinster Flächen, die Beseitigung von Totholz, die Mahd der sukzedierenden Pflanzendecke entlang der Waldwege.
- Straßen & Verkehr: Ist die für Straßen asphaltierte oder verschotterte Fläche denn überhaupt so groß, daß sie die Natur schädigen kann? Die Frage ist falsch gestellt, wichtig ist: Wo und wie werden Straßen gebaut und Wege befestigt? Nistaggregationen entstehen oft an und sogar auf Feldwegen. Wenn diese dann durch Asphalt oder Schotter "befestigt" werden, nimmt niemand auf Bienennester Rücksicht, keine Behörde läßt im Jahr zuvor Ersatzflächen herrichten und wartet dann mit dem Straßenbau, bis die Bienenbrut im Frühjahr oder Sommer geschlüpft ist. Selbst der Straßenverkehr kann unter Wildbienen erheblich Verluste verursachen, vor allem unter Hummeln: Auf Straßen, die durch Wälder oder über Dämme führen, erleiden im Frühjahr vor allem Hummelköniginnen hohe Verluste, so daß viele Hummelvölker gar nicht erst entstehen.
- Freizeitnutzung: Auf der Suche nach Freizeit- und Sportflächen bieten sich jahrelang ungenutzte Flächen geradezu an: Endlich ist für eine Heidefläche, ein brachliegendes Flugsandfeld, ein ehemaliges Militärgelände, ein Ufer etc. eine "sinnvolle Verwendung" gefunden, und bevor das Terrain gänzlich "verwildert", entsteht quasi als Rettung desselben ein Park, ein Spielplatz, eine Sportstätte in "naturnaher" Umgebung ... Viele Menschen – vor allem Politiker und Behörden – haben Probleme mit der Vorstellung, daß eine Fläche vom Menschen nicht genutzt wird, sondern einfach der Natur überlassen bleibt. Der Wert solcher Flächen wird meist immer noch völlig unterschätzt – auch und gerade dann, wenn sie nicht als Naturschutzgebiet oder Naturdenkmal ausgewiesen sind.
- Stadtbild: Nicht wenige Kommunalpolitiker und Planungsbürokraten glauben, dem Allgemeinwohl zu dienen, wenn sie einen vermeintlichen "Schandfleck" oder eine drohende Gefahr beseitigen. Gemeint sind meist recht kleine ungenutzte, folglich "verwilderte" Flächen, die das naturentwöhnte Auge beleidigen und evtl. sogar für spielende Kinder eine Gefahr darstellen ("giftige Pflanzen" etc.). Werden solche Flächen dann "gesäubert" und "begrünt", gehen allein aus ästhetischen Gründen Nistplätze im Boden wie auch in Pflanzenstengeln und Totholz verloren – und wichtige Nahrungspflanzen ebenso. Das in vielen Köpfen immer noch verankerte Ziel "Unser Dorf, Stadtteil etc. soll schöner werden" ist ein Rezept für Scheinnatur, für Artenarmut, Lebensfeindlichkeit und Monotonie.
- Gartengestaltung: Alle privaten Gärten zusammengerechnet stellen eine gigantische Fläche dar, die das Überleben etlicher Arten sichern könnte. Die Realität aber ist häufig geprägt von Gartenbesitzern, die Zeit und Geld genug haben, jeden Quadratmeter zu planieren, jeden Niveauunterschied durch eine kleine Mauer auszugleichen, jeden Fleck offenen Bodens mit Mutterboden, Saat und Dünger zu "begrünen" und jeden Weg "ordentlich" mit Randsteinen einzufassen, und die sich vor ihren Nachbarn keinesfalls die Blöße eines abgestorbenen und verrottenden Obstbaumes geben wollen. So gehen vegetationsarme Nistflächen, selbst kleinste Erdaufrisse, schmalste Wegränder und Totholz verloren. Das erweiterte Wohnzimmer vor der Haustür mag als öffentlich präsentiertes grünes Schmuckstück gedacht sein – auf jeden Fall ist es ein naturfeindlicher Raum. Ein Wandel ist erst zu erwarten, wenn wir das Glück nicht in menschlicher, der Natur aufgezwungener Ordnung erblicken, sondern in der Natur selbst: in einem Naturgarten.
- Fast ebenso spärlich ist mittlerweile das Nahrungsangebot, vor allem das der pollenliefernden Wildpflanzen. Industriell bewirtschaftete riesige Monokulturen können, wenn sie nicht vergiftet sind, nur von wenigen Bienenarten genutzt werden, selbst die Feldränder werden oft untergepflügt – sogar wenn es verboten ist. Da der Ertrag durch "Unkraut" geschmälert wird, kommen Herbizide zum Einsatz, die genau jene Pflanzen vernichten, auf die sich etliche Bienenarten spezialisiert haben. Doch bedarf es keiner "landwirtschaftlichen Notwendigkeit", um Wildpflanzen zu vernichten: In jedem Frühjahr ziehen die Gartenämter der Kommunen erneut gegen die blühende Natur zu Felde, und wenn eine bis zwei Meter tief ins Feld reichende "Verkehrssicherungspflicht" als Vorwand nicht reicht, dann doch einfach der Arbeitsplan: Wie sollen denn die Bediensteten in der kurzen Zeit nach der Blüte die ganze Arbeit erledigen? Also fängt man "rechtzeitig" mit dem Mähen an und löscht hier und da die eine oder andere Bienenpopulation aus.
Auch die Gartenbesitzer stehen dem wieder nicht nach, für viele ist ein Garten nur dann ein Garten, wenn er statt der einheimischen Wildfora ("Unkraut") der neidischen Nachbarschaft die fremdländische wie auch züchterische Pflanzenvielfalt des regionalen Gartenzentrums vor Augen führt – Springbrunnen, Gartenzwerge und weiteren Schnickschnack inklusive.
- Industriell bewirtschaftete riesige Monokulturen erfordern bekanntlich einen ebenso riesigen Biozid-Einsatz, also Herbizide und Pestizide. Was uns die Chemieindustrie und die ihr hörigen Minister und Bürokraten als "Pflanzenschutz" verkaufen, ist real eine Vernichtungsorgie auch gegen "nützliche" Insekten und gefährdete Wildpflanzen. Zwar sind alle Bienen gesetzlich geschützt, aber das steht, wenn die "ordnungsgemäße Landwirtschaft" ihre Bedürfnisse anmeldet, nur auf dem Papier. Den Massentod der Hummeln und Solitärbienen erfaßt und untersucht ohnehin niemand – man ahnt ihn allenfalls, wenn Honigbienen betroffen sind und ihre Besitzer, die Imker, Protest anmelden.
- Man mag es kaum glauben, aber Bienen werden auch direkt (und meist rechtswidrig) verfolgt: Immer fühlen sich Gartenbesitzer allein dadurch "belästigt", daß auf ihrem nicht ganz so dichten Rasen vielleicht drei Wochen lang Bienen ihre Nester bauen: Kinder schweben dann in akuter "Lebensgefahr", sogar Katzen und Hunde werden angeblich gestochen, und das ganze "Gesumme" geht mächtig und mehr auf die Nerven als der Verkehrslärm nebenan. Andere fürchten ernsthaft, daß ihre untertunnelten Wege- oder Terrassenplatten einbrechen oder ihre Gartenmöbel kaputtgenagt werden. Mancher Hausbesitzer sieht gar die Bausubstanz seines Heimes durch Bienen gefährdet, die nur Nektar und Lehm eintragen. Oft genug greift der so Bedrängte dann zum Spaten und gräbt die Wiese um oder greift zu anderen todbringenden Maßnahmen, um dem "Spuk" ein (illegales) Ende zu bereiten. Für die Behörden sind das in der Regel Kavaliersdelikte ...
- Das Aussterben der Wildbienen läßt sich allerdings kaum durch die subjektive Wahrnehmung entomologischer Laien ermessen: Natürlich trifft die Aussage eines Rentners zu, der sich an viel mehr Wildbienen in seiner Jugend auf dem Land oder im Garten erinnert – die schiere Zahl der Bienen hat zweifellos sehr abgenommen. Nur die wenigsten Menschen kennen aber die vielen verschiedenen Bienenarten und können folglich auch keine verläßlichen Aussagen über deren Schwund machen. Und der subjektive Eindruck, daß "auch keine Wildbienen mehr fliegen", kann sich an anderer Stelle, bei besserem Wetter oder zur (nur wenige Wochen dauernden) Flugzeit einer noch häufigen Bienenart schnell ins Gegenteil verkehren.