Fast drei Viertel aller nestbauenden Wildbienenarten in Deutschland nisten im Erdboden. Hier liegt also das größte Potential für den Bienenschutz. Es sind jedoch gerade die nach menschlichem Ermessen unansehnlichen vegetationsarmen und freien Bodenstellen, die von erdbewohnenden Bienen als Nistplätze genutzt werden: ungepflegte Fußballplätze, Trampelpfade, Ruderalstellen, "verwilderte" Gärten etc. Gerade Nistplätze im Garten lassen sich leicht erhalten, wenn man sein ästhetisches Empfinden nicht nach dem Gusto "ordnungsliebender" Nachbarn ausrichtet, sondern nach den Bedürfnissen der Natur. Da man nicht neu zu schaffen braucht, was man nicht zerstört, erhalten wir geeignete Nistmöglichkeiten schon dadurch, daß wir nicht alle Gartenbereiche umgraben, mit Mutterboden und Dünger "verbessern" und bepflanzen.
Das Bodenrelief in der Natur ist häufig nicht gerade, sondern sehr uneinheitlich bzw. uneben: Es gibt horizontale ebenso wie schräge und vertikale Flächen; so entstehen auf engem Raume unterschiedliche Strukturen, die unterschiedlichen Pflanzen und Lebewesen gerecht werden.
1. Horizontale Bodenflächen
Die meisten Gärten sind horizontal angelegt, ehemalige Hänge wurden terrassiert und die Erde mit "Mutterboden" oder gar Torf augewertet. Dennoch läßt sich hier einiges für Wildbienen tun:
- Es genügt schon, einen möglichst trockenen Teil des eigenen Gartens ungedüngt zu lassen und von allzu dichtem Aufwuchs zu befreien, um im offenen Boden zwischen allerlei Wildkräutern Nistmöglichkeiten für Wildbienen entstehen zu lassen.
- Ist der Boden zu feucht, können wir – vielleicht sogar geschützt unter einem Dachvorsprung – 1 m² oder mehr Humusboden ausschachten und durch lehmhaltigen Sand ersetzen und diese Fläche dann weitgehend pflanzenfrei halten. Harken sollte hier unterbleiben, damit Gänge und Nester der Bienen nicht zerstört werden.
- Es ist auch keineswegs nötig, aufwendig einen Plattenweg zu bauen und mit Rasenkantensteinen gegen Blumenbeete und Rasen abzugrenzen (und dann die Fugen regelmäßig von "Unkraut" zu befreien): Gerade die ungepflasterten und ungeschotterten Wege ("Trampelpfade") und Wegränder sind wichtige Nistplätze.
- Wenn in einem schütteren Magerrasen eine Bienen-Aggregation entsteht, sollte man ihn möglichst vor dem Ausfliegen der ersten Bienen mähen, damit das Gras nicht die Niströhren bedeckt. Düngen, Umgraben etc. verbieten sich natürlich. Übrigens: Der "Rasen" kann jederzeit betreten werden, die Bienen – z. B. Andrena flavipes, A. cineraria, A. vaga – sind harmlos; man sollte allerdings vermeiden, die Tiere beim Krabbeln zu ihren Niströhren totzutreten.
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| Für einen solchen von Sandbienen-Nistgängen durchlöcherten Magerrasen wird sich kein Natur- und Bienenfreund schämen – ganz im Gegenteil! |
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Im mit Kiesel bestreuten Rohboden (Lehm) unter diesem Balkon nisten Pelzbienen ebenso gerne wie in der vierstöckigen Rasterstein-Nistwand rechts. |
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| Dieses von Lavendel umstandene Sandhochbeet wurde zu Demonstrationszwecken gebaut. Als Nistfläche für eine Aggregation ist zu klein. |
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Diese Kräuterspirale wurde durch Schichten flacher Bruchsteine errichtet und mit Kräutern bepflanzt. |
Nun sind solche wie manche sagen würden "Schmutzecken" nicht jedermanns Sache: Viele Menschen sind anders geprägt oder fürchten den mißbilligenden Blick oder Kommentar des Nachbarn. Doch lassen sich geeignete und sogar hübsche Nistsubstrate für Bienen ersatzweise auch bauen:
- Falls sich im Garten kein Platz findet oder sich das Regenwasser aufgrund eines allzu dichten Untergrundes staut, kann man vielleicht regen- und blickgeschützt unter einem Balkon oder anderen Vordach ein Lehmbett anlegen und evtl. mit einer dünnen Schicht Kiesel bestreuen. In diesem Substrat nisten ab März z. B. Pelzbienen (Anthophora plumipes). Weitere Nisthilfen – aufgebohrte Baumstämme, Eichenholzblöcke, Schilfkasten – könnten das Lehmbett ergänzen und weiteren Sölitärbienen und -wespen Nistmöglichkeiten bieten. Wenn hier im Frühling Hochbetrieb in diesem Bienenparadies ist, läßt sich vielleicht auch ein bislang skeptischer Nachbar von Wildbienen begeistern und zur Nachahmung animieren ...
- Ein Sand-Hochbeet gibt solange es überwiegend vegetationsfrei bleibt ein geeignetes Nistsubstrat für einige kleine erdnistende Einsiedlerbienen und -wespen ab: An sonniger Stelle legt man einen mindestens 20 cm hohen Rahmen aus Holz oder Bruchsteinen aus und füllt ihn mit einer Mischung aus Sand und Lehm auf. Indem diese Plattform über den umgebenden Erdboden hinausragt, läßt sie den Regen schnell versickern und die Brut nicht zu feucht werden. Die Chancen einer Besiedlung steigen, wenn das Beet leicht schräg und mit zwei Terrassen angelegt wird: Selbst niedrige Steilwände werden meist zuerst angeflogen.
Von lockerem Sand sollte man übrigens nicht zu viel erwarten: Die meisten "Sand"- bzw. Erdbienen bevorzugen anderen Substrate und Bienenarten, die in Aggregationen nisten, in der Regel deutlich größere Flächen. Angenehme Überraschungen sind jedoch immer möglich. Eine Bewohnerin, die sich hier allerdings gerne einfindet, ist die winzige Fliegenspießwespe Oxybelus biglumis.
- Eine aus Bruchsteinen und lockerem Rohboden gebaute "Kräuterspirale" in einer Rasen- oder Wiesenfläche ist eine dekorative Form des Hochbeetes und eine Insel nicht nur für Wärme- und Trockenheit-liebende Küchenkräuter, sondern auch für wohnungssuchende Wildbienen, wenn der Bewuchs lückig ist und Raum für Nistgänge läßt.
Natürlich bieten auch die zahlreichen Lücken in einer Bruchsteinmauer vielen Tieren Nistmöglichkeiten.
2. Hänge, Böschungen
Wer ein Hanggrundstück besitzt, neigt dazu, es zu terrassieren: man will schließlich auf horizontalen, nicht schrägen Flächen stehen. Wenn allerdings ein Grundstück nur teilweise genutzt wird, sollte man einen Teil des Hanges erhalten und nur spärlich mit Wildpflanzen besetzen: Vielen Bienenarten, z. B. auch Hummeln, nisten gerne in Hängen.
Nicht jeder "Dreckhang" muß also mit Mutterboden abgedeckt und bepflanzt oder mit einer "hübschen" Mauer gestützt werden. Allerdings sind auch senkrechte Hangabstiche, also kleine Steilwände, wertvolle Niststellen, wenn man sie nicht in Beton gießt:
3. Vertikale Bodenstellen
Viele Bienenarten sind in ihrer Nistweise auf niedrige oder hohe Steilwände spezialisiert: Die vertikale Bodenfläche bleibt eher trocken und vegetationsfrei als andere. Nicht jeder kleine Hang im Garten muß also abgestützt werden – erst recht nicht mit einer Betonmauer. An Böschungen läßt sich eine Abbruchfläche sogar leicht mit dem Spaten neu schaffen – 20 oder 30 cm genügen schon!
Ersatznistplätze können wir schaffen, indem wir eine Gartenmauer zünftig aus Natursteinen setzen und nicht mit Beton, sondern "nur" mit Lehm verputzen. Dabei sind mindestens zwei Steinreihen und eine Neigung vorzusehen, die dem Druck des Erdreichs standhält. Aber auch der Besitzer einer Betonmauer kann noch einiges tun: Mit einem Steinbohrer kann er die Betonwand löchern, und auf der Mauer kann er eine künstliche Miniatur-Lehmwand aufstellen, die er sich aus einer alten Holzkiste oder einem Eternitkübel und ein paar Schaufeln Lehm leicht
selbst herstellen kann. Wer es optisch etwas ansprechender liebt und handwerkliches Geschick hat, kann sich eine große
Lehmwand oder sogar einen veritablen
Bienenstand für vielerlei Nistbedürfnisse in den Garten stellen ...
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| Solange solche Steilhänge vegetationsarm bleiben, |
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... bleiben sie Nisthabitate für Wildbienen. |
Wer ein Hochbeet anlegt, kann auch die vertikalen Außenflächen für den Naturschutz nutzen: Trockenmauern bieten vielfältige Lebensräume, auch für Wildbienen. Wenn die Bruchsteine mit Lehm verputzt sind, können z. B. Pelzbienen und Lehmwespen im Lehmmörtel nisten.
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| Lehm-Bruchstein-Mauer eines Hochbeetes |
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Trockenmauern bieten vielfältige Lebensräume |
Für die Kulturfolger unter den Steilwandbewohnern sind die mit Lehm gebauten oder verfugten Gebäude des Menschen neue, willkommene Niststrukturen, die aber schon seit Jahrzehnten immer mehr der Modernisierung zu Opfer fallen. Wie sich solche Lehmwände bauen lassen, zeigen die
nächsten Seiten.
4. Große Steine, Schneckenhäuser, Gallen
Künstliche Nisthilfen lassen sich für solche Wohnungsspezialisten nicht schaffen, der Schlüssel zum Naturschutz ist hier ein Naturgarten, in dem man z. B. Schneckenhäuser liegenläßt und Gallen nicht als Krankheiten ausmerzt:
- Einige wenige Bienenarten mörteln ihre Nester frei an die senkrechte Oberfläche großer Steine (z. B. Findlinge) oder in Vertiefungen darin. Ein solches Nest im eigen Garten ist ein großer Glücksfall, der sich nicht planen oder durch spezielle "Niststeine" fördern läßt. Wer ein solches Nest entdeckt, sollte also dafür sorgen, daß es von Störungen aller Art (Gartenarbeiten, Kinder, Haustiere etc.) unbehelligt bleibt.
- Ein halbes Dutzend Mauerbienen haben sich auf leere Schneckenhäuser spezialisiert. Nun kommen in fast allen Gärten kommen neben Nacktschnecken auch Gehäuseschnecken vor. Wenn sie sterben, hinterlassen sie ihre oft schön gemusterten Gehäuse, die manche Gartenbesitzer als kleine Schmuckstücke sammeln, andere ignorieren oder achtlos untergraben oder in die Kompost- oder gar Abfalltonne befördern.
Besser ist, die Gehäuse liegenzulassen bzw. im Frühjahr ganz bewußt leere Schneckenhäuser an sonnigen, sandigen und vegetationsarmen Stellen auszulegen. Ab Ende April ist mit dem Nestbau zu rechnen; ein Mauerbienen-Weibchen dabei zu beobachten ist ein wundervolles Erlebnis.
- Einige kleine Solitärbienen nisten nicht am Boden, sondern – auch das soll an dieser Stelle noch erwähnt werden – in alten Gallen: ca. 2 cm dicken Kugeln, die im Vorjahr von der Gallwespe (Andruicus kolari) in den Knospen junger Trauben- oder Stieleichen erzeugt und später verlassen wurden, oder in den Gallen der Schilfgallenfliege (Lipara lucens). Wenn man die Gallen in Ruhe läßt, können sich hier auch seltene Bienen entwickeln.