Sind Wildbienen gefährlich?
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Bienen gehören zu den "Stechimmen", können also stechen. Sind sie dann nicht für uns Menschen gefährlich? Stellen sie in unserer Umgebung kein Gesundheitsrisiko für Allergiker und Kinder dar?

1. Bienen damals und heute

Noch vor 50 Jahren und vor allem im 19. Jahrhundert und davor wäre diese Frage fast durchweg auf völliges Unverständnis gestoßen: Es gab noch deutlich mehr Bienenarten, und diese hatten viel höhere Populationsdichten als heute, auch in der unmittelbaren Umgebung des Menschen: Bienen sammelten an den Blüten der noch zahlreichen Wildkräuter, die u. a. als Heilkräuter und Gemüse geschätzt waren, und sie nisteten im Lehm oder Holz alter Fachwerkbauten, in Zaunpfosten, in Böschungen, an Wegrändern, auf Brachen – kurz gesagt: Sie waren in ebenso großer Zahl allgegenwärtig wie Fliegen, Schmetterlinge, Käfer etc. und ein selbstverständlicher Bestandteil des bäuerlichen und Vorstadtlebens.
    Wurde man damals gestochen, dann wurde man eben gestochen: in der Regel von Wespen, die in einem Stall oder Schuppen ihre Nestkugel gebaut hatten, oder von Honigbienen, die man hielt. Ein Problem sah darin fast niemand, und das Immunsystem verkraftete das schwache Gift problemlos. Vor Hummeln und Einsiedlerbienen hatte niemand Angst.

Zur Jahrtausendwende stellt sich die Situation ganz anders dar: Die Anzahl der Bienen und Bienenarten ist stark zurückgegangen, und viele Menschen sind gerade noch in der Lage, eine Honigbiene von einer dicken, pelzigen Hummel oder einer Wespe zu unterscheiden, die beim Pflaumenkuchenessen stört. Kaum jemand weiß heute, daß es Dutzende Hummel- und Hunderte anderer Wildbienenarten gibt oder woran man sie erkennen kann. Dieser traurige Mangel an Naturerfahrung hat aber nicht dazu geführt, daß Bienen im Bewußtsein der Menschen keine Rolle mehr spielen: Paradoxerweise reagieren nicht wenige Menschen ausgesprochen panisch auf die geschrumpfte Bienenfauna: Je weniger Bienen es gibt, desto mehr Angst haben viele vor ihnen. Das ist offensichtlich die Angst vor dem Unbekannten: Was man nicht kennt, ist verdächtig und potentiell gefährlich – und "muß weg". Ein Auszug aus der Leser-Post Leserpost macht das deutlich.

2. Können Bienen stechen?

Tatsächlich können Bienen stechen – aber längst nicht jeden: Andere Insekten und Kleinsäuger kann ihr kleiner Stachel verletzen, mit der menschlichen Haut aber haben die meisten Bienenstachel Probleme:

  Die Sandbiene Andrena clarkella auf einem Finger

3. Sind Bienen "aggressiv"?

Wirklich "aggressiv" in dem Sinne, daß sie einen Menschen scheinbar grundlos attackiert, ist keine Bienenart, und das gilt ja auch für die meisten anderen Tierarten. Bienen versuchen auch nicht wie Wespen und Fliegen, an Süßigkeiten zu gelangen. Die Frage ist also: Greifen Bienen an und wollen sie stechen, wenn sie sich von Säugetieren oder Menschen am oder im Nest bedroht oder gestört fühlen? Zur Beantwortung sollten wir zwei Gruppen unterscheiden:

Soziale Bienen, also vor allem Hummeln und die Honigbienen des Imkers, können in der Tat angreifen, um sich zu verteidigen. Sie tun dies aber nur im extremen Notfall, wenn man direkt, aggressiv und hektisch gegen ihr Nest vorgeht: Die meisten Arten erlauben sogar eine Nestkontrolle durch behutsames Teilen des Nistmaterials: Viele Arbeiterinnen fliegen dann nicht einmal auf, sondern versuchen nur, die am Nest angerichteten Schäden schnell wieder zu reparieren und ihre Brut damit zu schützen. Offenbar sind Hummeln in ihren versteckten Erdbauten ausreichend geschützt, so daß die Entwicklung einer größeren Aggressivität nicht nötig war.
    Eine seltene Ausnahme machen die Baumhummeln (Bombus hypnorum: brauner Rücken, weißes Ende), die auch oberirdisch in Baumhöhlen brüten und daher wohl stärker gefährdet sind als erdnistende Arten: Nähert man sich in der Fortpflanzungszeit ihrem Nest bei starkem Flugverkehr auf ca. einen Meter, kann es passieren, daß einige Arbeiterinnen Gefahr "wittern" und einen Menschen immer wieder anfliegen und sogar gegen den Bauch stoßen; sobald man sich zurückzieht, lassen sie vom Störenfried wieder ab. Geht man aber gegen das Nest vor, können sie angreifen. Das können übrigens auch Erdhummeln (Bombus terrestris), wenn man ihr Nest zerstört.

Einsiedlerbienen hingegen machen nicht einmal den Versuch, ihre Nester gegen Angriffe zu verteidigen. Man könnte sich problemlos vor eine Wand mit Mauerbienen-Nestern stellen oder gar mitten in eine Erdbienen-Kolonie legen: Die "dummen" Tierchen unternehmen nichts, um ihre Nachkommenschaft zu schützen – selbst wenn viele von ihnen am selben Ort (in einer sog. Nest-Aggregation) nisten. Ausgerechnet die Bienen, die heutzutage am häufigsten Befürchtungen oder gar Panik auslösen, sind zugleich die harmlosesten. Bienen, die etwa im Boden von Kinderspielplätzen (im Rasen, im Erdhügel unter einer Rutsche etc.) nisten, sind also völlig ungefährlich. Paradoxerweise sind es zudem meist die Männchen, die durch ihr massenweises Schwärmen über den Nestern den Eindruck eines Schwarms und dadurch Befürchtungen erzeugen; Drohen aber können, wie gesagt, gar nicht stechen.

4. Warum so friedlich?

Daß Honigbienen und Hummeln ihre Nester mehr oder weniger gut verteidigen, Einsiedlerbienen aber nicht, mag uns seltsam vorkommen; im Vergleich mit den sozialen Bienen und Wespen lassen sich aber einsichtige Gründe für ihre Friedfertigkeit finden:

  1. Verteidigungschancen: Eine einzige Einsiedlerbiene hat gegen einen größeren Angreifer keine Chance: Dieser würde sie ignorieren, abwehren oder gar töten. Selbst wenn sich der Angriff gegen eine ganze "Kolonie" (genauer: Aggregation) richtet, entsteht bei Solitärbienen kein Gefühl der Gemeinsamkeit, das sie zu einer gemeinsamen Verteidigung ihrer Einzelnester befähigen würde.
        Der konzertierte Angriff mehrerer Honigbienen- oder Hummelarbeiterinnen aber hat durchaus Aussicht auf Erfolg: Sie sind nicht nur entsprechend ihrer Anzahl stärker, sondern geben dem Angreifer auch kaum eine Chance, sich auf einzelne der Verteidiger zu konzentrieren, ohne von den jeweils anderen gestochen zu werden.
  2. Verluste: Im Falle eines Angriffs haben Bienen unterschiedliche Verluste zu erwarten:
        Einsiedlerbienen riskieren ihr Leben, denn jedes Weibchen ist eine Königin ohne Volk: Wird es verletzt oder getötet, kann es nicht nisten, also seine Gene nicht weitergeben. Der oft zitierte "Egoismus der Gene" hindert es also daran, unnötige Risiken einzugehen: Die Biene legt im Laufe ihres Lebens mehrere Nester an; wird sie angegriffen, so versucht sie gar nicht erst, sich zu verteidigen, sondern gibt das zerstörte Nest auf und beginnt an anderer Stelle neu. Die Erfolgsaussichten eines Neubaus sind weitaus größer als die einer Verteidigung, und viele Nester an verschiedenen Orten erhöhen die Chancen, daß zumindest einige unangetastet bleiben.
        Soziale Bienen haben ebenfalls viel zu verlieren: ihr Nest. In der Regel haben sie jedes Jahr nur eins, und die Arbeiterinnen sorgen dafür, daß am Ende viele Jungköniginnen und Drohnen ausfliegen und so den Bestand der Art sichern. Wird ein Nest zerstört, war alle gemeinsame Anstrengung umsonst: Hummel-Königinnen sind in fortgeschrittener Jahreszeit nicht mehr in der Lage, noch einmal von vorn anzufangen, und eine Honigbienen-Königin ist ohne Arbeiterinnen hilflos. Das Nest muß also unbedingt geschützt werden.
        Anders als eine Solitärbiene kann es sich eine Hummelkönigin ohne weiteres leisten, einige ihrer Arbeiterinnen für die Verteidigung ihres Bruterfolgs zu opfern: Sie gefährdet sich dadurch nicht selbst und erhöht zugleich ihre Chancen, Geschlechtstiere zu produzieren und so den Fortbestand ihrer Gene zu sichern. Zwar können nach dem Tod einer Hummelkönigin oft auch einige ihrer Arbeiterinnen Nachwuchs produzieren – aber der ist unbefruchtet und daher männlich und genetisch weniger relevant.
  3. Beute: Schließlich darf auch vermutet werden, daß Honigbienen oder Hummeln schon deshalb ausreichend wehrhaft sein müssen, weil sich ein Angriff auf ihre Nester für Säugetiere (etwa Dachs, Fuchs, Igel etc.) durchaus lohnt: Hier gibt es immer viele eiweißreiche Larven und Puppen sowie bei Honigbienen auch Honig zu erbeuten.
        Der kleine Nistgang einer Solitärbiene jedoch muß erst einmal gefunden werden, und die Ausbeute ist durchweg mager, wenn die Nester nicht gerade dicht an dicht liegen. Solitärbienen brauchen also auch deshalb nicht aggressiv zu sein.

(Einsiederbienen handeln also quasi nach der Devise "Wo Kämpfen keine Ehre ist, ist Wegfliegen keine Schande" – und waren damit in ihrer jahrmillionenlangen Entwicklung erfolgreich.)

5. Bienen im und am Haus

Viele Wildbienen sind Kulturfolger (sog. synanthrope Arten), die in unmittelbarer Nähe des Menschen nisten, also in kleinen bis größeren Hohlräumen in Wänden, Schuppen, Dachböden etc. Leider kommt es dann immer wieder zu völlig irrationalem destruktivem Verhalten gegen die Bienen und ihre Nester:

Offenbar spielen hier auch diffuse Ängste vor Nahrungsschädlingen, vor gesundheitsgefährdendem Ungeziefer etc. eine Rolle. Man weiß nicht, was hinter den Nestverschlüssen "Schlimmes" vorgeht. Fragt man nach dem Grund für die Angst, lautet die typische Antwort: "Ich weiß ja nicht, was da ist!" Unwissenheit ist leider oft der Hintergrund von Insektenvernichtung – selbst im Falle unserer liebenswerten und nützlichen Wildbienen.

Natürlich braucht niemand ein Gebäude verfallen zu lassen, um die Bienenester in der alten Mauer zu schützen: Man läßt die Bienenart bestimmen und plant eine fällige Renovierung naturfreundlich für den Monat, in dem die Bienen aus den vorjährigen Nestern bereits ausgeflogen sind! Ersatz für die verlorenen Nistgelegenheiten läßt sich dann mit Bienenhölzern oder alternativ angedübelten oder eingemauerten Lochziegeln bereitstellen.


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